Russland.RU, January 28, 2003.
By Lothar Deeg.
Exklusiv für Fußgänger: Peter zeigt seine Stadt
St. Petersburg. Der Dachwanderer ist wieder da
– aber nun bleibt er am Boden und nährt sich redlich:
Peter Kosyrew, der einst Erlebnis-hungrige Petersburg-Touristen
zu seinen ebenso legendären wie unerlaubten Exkursionen auf
die Dächer der Stadt führte, hat zum Jubiläumsjahr
ein neues Programm aufgelegt: Mit „Peter’s Walking Tours“
können Gäste die Nördliche Hauptstadt auf verschlungenen
und wenig bekannten Wegen kennenlernen – grundsätzlich
zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Im Gegensatz zu den wilden Anfangsjahren hat Petersburgs
innovativster Fremdenführer nun alles ganz offiziell aufgezogen:
eine Firma gegründet, Prospekte gedruckt, eine (sehr appetitliche)
Webseite eingerichtet, junge Stadtführer-Kollegen angelernt,
neue Routen ausgearbeitet und einen „Fahrplan“ für
die Stadtwanderungen aufgestellt: Im Internet kann man erfahren,
wann und wo welche Führung beginnt. Vorbuchungen sind nicht
erforderlich. Mitbringen muss man nur etwas Ausdauer in den Waden,
Rubel im Gegenwert von etwa 10 Dollar und hinreichende Englisch-Kenntnisse
– deutsche Führungen hat Peter leider noch nicht im Angebot.
Auch wenn die Dächer inzwischen für Wandervögel
unzugänglich sind (da zu viele Dachböden mit Schlössern
verrammelt wurden), hat der passionierte Globetrotter weiterhin
ungewöhnliche Entdeckungsreisen durch seine Heimatstadt zu
bieten: Bei einer „Revolutions-Tour“ tritt man in Lenins
Fußstapfen, beim Rasputin-Spaziergang lässt er eine der
geheimnisvollsten Figuren der Stadtgeschichte wieder lebendig werden
– verbal zumindest. Und als Kontrapunkt zur Hochglanz-Selbstdarstellung
der Stadt zu ihrem 300. Geburtstag arbeitet Peter Kosyrew gerade
eine „Slum-Tour“ durch verkommene Hinterhöfe und
ruinierte Quartale aus.
Dostojewski und seinen Helden kann man entweder
nüchtern-wissenschaftlich nachspüren oder bei einem Streifzug
durch die Spelunken entlang Raskolnikows 730 Schritte atmosphärisch
und geistig in sich aufnehmen. Weitere Themenwanderungen sind der
Blockade oder dem „Kommunistischen Erbe“ gewidmet –
und als Spezialität hat er eine „Sich-durch-die-Stadt-futtern“-Tour
ausgearbeitet, bei der viel über lokale Essgewohnheiten zu
erfahren sein soll.
Kurzum, Peter Kosyrew verschafft Einblicke, wie
man sie als Tourist in St. Petersburg weder durch Reiseführerstudium
noch bei herkömmlichen Stadtrundfahrten oder bei Spaziergängen
auf eigene Faust bekommen kann.
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