300 Jahre St. Petersburg
Des Jammers goldene Kulisse
Mit einem Pomp ohnegleichen zelebriert Russland am 27. Mai den 300.
Geburtstag von St. Petersburg. Doch die Wunden seiner Geschichte
lassen sich nicht übertünchen
Von Johannes Voswinkel
(c) DIE ZEIT 15.05.2003 Nr.21
Die Stadt braucht die Dunkelheit. In der endlosen
Nacht des Winters entfaltet St. Petersburg einen besonderen Zauber,
die Realität erscheint als ein Traum. Doch an den lichten Tagen
dieses Monats Mai bleibt Bewohnern und Besuchern keine Chance, dem
Chaos aus Baustellen, gesperrten Straßen und Sonderpolizei
zu entgehen. Der Kalkstaub auf den Schuhen kündigt ein großes
Fest an, vor dem die meisten der Petersburger mit Schrecken fliehen
wollen: Am 27. Mai feiert die Stadt ihre Gründung vor 300 Jahren.
Vier Tage später wird Russlands Präsident
Wladimir Putin in der einst imperialen Hauptstadt die Parade der
ausländischen Präsidenten und Regierungschefs abnehmen.
Mehr als 100 Flugzeuge aus 45 Ländern werden zu diesem beispiellosen
Weltgipfeltreffen zwischen den Staatsführern der G-8-Staaten,
der Europäischen Union, ihrer Anwärterländer und
der Exsowjetrepubliken erwartet. Alle zehn Minuten landet eines
der Flugzeuge laut Luftbrückenplan auf dem Flughafen, der tagelang
für den Linienverkehr gesperrt bleibt. Hotelschiffe für
die Delegationen sind am Englischen Kai vertäut, um den Mangel
an nicht durchgelegenen Gästebetten auszugleichen. Das riesige
PR-Ereignis soll mit frisch geweißten Fassaden das Interesse
der Investoren weltweit auf St. Petersburg lenken. Zunächst
aber legt es die Stadt lahm.
St. Petersburg, das einst als Zentralkulisse eines
modernisierten Russischen Reiches aus dem Schlamm der Newa gestemmt
wurde, braucht seine Untertanen nicht mal mehr zur Dekoration. Die
300-Jahr-Feier erinnert an die Olympischen Spiele 1980, die in einem
verordnet menschenfreien Moskau stattfanden. Die Professoren nehmen
ihre Prüfungen an den Universitäten bereits Mitte Mai
ab, und das Schuljahr endet früher. Polizisten kündigen
Bewohnern der östlichen Wassilij-Insel für die Tage der
Feiern Hausarrest mit Ausgehzeiten morgens und abends an. Die Stadtverwaltung
legt den Bürgern einen Datscha-Urlaub nahe. Die oppositionserprobten
Petersburger schimpfen. Sie wittern eine Show der Regierenden, an
der sie nur teilhaben dürfen, wenn ihnen unter den Baugerüsten
ein Farbklecks auf die Jacke spritzt.
Nina Alexejewna könnte eher ein Steinbrocken
auf den Kopf fallen, wenn sie nach Hause zurückkehrt. Sie wohnt
in einem typischen St. Petersburger Backsteinbau, dessen gewaltige
Mauern vier schluchtgleiche Innenhöfe umschließen. 1914
wurde das Haus in der Nekrassow-Straße gebaut. Seitdem hat
kein Handwerker die Außenwände bearbeitet. Die ornamentalen
Figuren an den Fassaden sind abgeplatzt, und manche der Balkons
neigen sich zum Bürgersteig hin. Das Schutzgitter über
den Köpfen der Passanten, auf dem sich Steinstücke und
Mörtelplatten sammeln, erweckt nur bedingt Vertrauen. Es zieht
sich zwar rund um das Haus, doch an vielen Stellen ist es verrostet
und eingerissen.
Geld und Farbe reichen nicht für die Rückseiten
der Gebäude An Ninas Wohnungstür hängen vier Klingelknöpfe
– für einige Nachbarn in der Kommunalka, wie die kommunalen
Gemeinschaftswohnungen heißen. Im verwinkelten Flur läuft
ihr Sohn Andrej Rollschuh. „Hier herrscht jetzt Anarchie“,
sagt Nina mit leichtem Triumph. Das Regiment der alten Frauen, die
mit keifenden Stimmen den Kindern jede Bewegung verboten, hat sie
auf ihren 27 Quadratmetern ausgesessen und überlebt. Jüngere
sind in die sechs anderen Räume nachgezogen. Ninas Zimmer liegt
links der Wohnungstür, mit Stuck, Wasserflecken und einem Muster
aus Rissen an der Decke, aus dem auch manchmal Putz herabrieselt.
Über ihre 28 Jahre in der Kommunalka weiß sie viel zu
erzählen, sobald der Tee aufgegossen ist. Zum Jubiläum
fällt ihr nur ein Satz ein: „Das ist eine Feier für
die Beamten und Ausländer, aber nicht für die Menschen
der Stadt.“
Wenige hundert Meter von Ninas Haus entfernt,
zu beiden Seiten des Newskij-Prospekts, haben in den vergangenen
Monaten Hunderte von Arbeiterbrigaden Paläste und Kirchen restauriert.
Sie strahlen nun prachtvoller als auf ihren Ansichtskarten. Die
Stadt ist schöner geworden entlang der präsidialen VIP-Routen.
Doch ihre Fassaden sind von Potemkinscher Raffinesse. Einst wurde
St. Petersburg als Metropole der Wissenschaften gepriesen und für
seine Revolutionäre und Blockade-Helden gefeiert. Heute zeigt
sich beim Blick hinter die Kulissen eine heruntergekommene Gebietshauptstadt.
Irgendwo zwischen Weltkulturmetropole und Provinz hat St. Petersburg
seine Identität verloren.
Die städtische Infrastruktur ist auf maximal
drei Millionen Bewohner eingerichtet. Aber es leben 4,8 Millionen
in Europas viertgrößter Stadt. Im letzten Winter fiel
in mehreren Vierteln immer wieder der Strom aus. Links und rechts
der Prachtstraßen führen dunkle Torbögen zu verfallenen
Häusern, mit vorrevolutionären Kanalisationsrohren und
Heizkörpern aus den Jahren des Ersten Weltkriegs. Bei der Renovierung
des alten Kaufhauses Gostinyj Dwor reichten Geld und Farbe nicht
für die Rückseite des Gebäudes. Riesige Reklametafeln
verdecken die blinden Fenster leer stehender Ruinen. „Hier
wird eine Leiche geschminkt“, spotten Petersburger.
Zwar hat der Umbau der St. Petersburger Industrie,
in der einst militärtechnische Kombinate vorherrschten, vom
allgemeinen Wirtschaftsaufschwung in Russland profitiert. So holte
die Lebensmittelproduktion den Maschinenbau an Bedeutung ein: St.
Petersburg ist in Russland mittlerweile führender Hersteller
von Bier und Pelmeni, den berühmten Teigtaschen. Doch die Schlüsselinvestitionen
solcher Firmen wie Ford, Kraft, Philip Morris und Ikea pickte sich
das investorenfreundliche Umland heraus, das sich anders als die
Stadt nicht umbenannt hat und immer noch Leningrader Gebiet heißt.
Die St. Petersburger Stadtverwaltung gilt dagegen unter Wirtschaftsvertretern
als undurchsichtig und besonders korrupt.
Den Niedergang der Stadt verstärkte die Zerrissenheit
ihrer Bevölkerung. „Wir haben drei Städte in einer“,
fasst der St. Petersburger Soziologe Roman Mogiljewskij seine Untersuchungen
zusammen. „Ein Drittel der Bewohner nenne ich Petersburger:
Sie beziehen ihr Selbstverständnis aus der fernen Geschichte
der Stadt in Weltoffenheit und Aufklärungsstreben, plädieren
für ein freiheitliches System, wohnen zumeist in der Innenstadt.“
Das zweite Drittel seien die „Leningrader“, die vor
allem im Industriegürtel rund um den Stadtkern lebten. Sie
identifizierten sich mit der sozialistischen Epoche und träten
konservativ für einen starken Staat ein.
„Die dritte Gruppe wohnt in den Schlafstädten
am Rande St. Petersburgs“, erklärt Mogiljewskij. „Das
sind Bewohner einer beliebigen Großstadt, oft sozial gut gestellt
und gebildet. Sie interessieren sich vor allem für ihre Lebensbedingungen.
Zu St. Petersburg haben sie kaum eine Beziehung und fahren wegen
des schlechten Nahverkehrs höchstens einmal im Monat ins Zentrum.“
Diese drei Gruppen bewerteten die Geschichte der Stadt und ihre
Zukunft vollkommen unterschiedlich. „Das Problem ist, dass
die Macht in St. Petersburg seit Jahren nichts unternimmt, um die
Klüfte zu überbrücken“, sagt Mogiljewskij.
„Es fehlen eine umfassende Idee und eine mutige Reformpolitik,
die den Dialog mit den Menschen sucht.“
Nina Alexejewnas Dialog mit der Macht beschränkt
sich auf Flüche, wenn sie eine unerklärliche Mieterhöhung
für ihre Stadt-Kommunalka bekommt. Der Großteil des Lebens
der 53-Jährigen gliedert sich in Ein- und Auszüge, Streitereien
und Todesfälle. An den Sommer, als die Michajlowa vom Zimmer
gegenüber verschwand, erinnert sich Nina noch genau. „Meistens
war sie betrunken und stand morgens auf wie eine Salzgurke“,
erzählt sie. Als lange Zeit keiner mehr die Michajlowa auf
dem Weg zur gemeinsamen Toilette oder zur Küche gesehen hatte
und sich ein seltsamer Geruch auf dem Flur breit machte, brachen
Polizisten der Revierwache die Zimmertür auf. „Das hat
vielleicht gestunken!“, ruft Nina aus.
Der städtische Leichendienst kam nicht, da
er am Freitagabend schon ins Wochenende gegangen war. Die Kommunalka-Bewohner
flüchteten sich in ihre Zimmer. Drei Tage lebten sie mit Michajlowas
Leichnam. Dann durchliefen sie alle Stationen des Sanitär-,
Hygiene- und Gesundheitsamtes, um das verpestete Nachbarzimmer desinfizieren
zu lassen. Am Ende mussten sie es selbst bezahlen. Der Eigentümer
des Zimmers hat die Möbel bis heute nicht abgeholt. „Im
Sommer“, sagt Nina, „zieht dann wieder dieser Geruch
durch die Wohnung.“
Die Kommunalka ist eine Errungenschaft der bolschewistischen
Revolution und heute der Fluch St. Petersburgs. 900000 Menschen
und Millionen von Kakerlaken leben noch immer in den einstigen Bürgerwohnungen,
die durch Mauern in kleine Zimmer unterteilt wurden. Jeder fünfte
Petersburger ist zu einer Existenz im Gestank von Toilette und vergammeltem
Fisch, im Eintopfdunst, zwischen Kernseife und trocknenden fremden
Unterhosen verurteilt. Vor allem die Armen und Alten können
sich einen Umzug in eine eigene Wohnung nicht leisten. Ein Drittel
der überalterten Bevölkerung von St. Petersburg hat Rentenansprüche.
Die Kommunalka wird vielen von ihnen zu Asyl und Altersheim.
Auch Nina hat vom Umschwung in Russland nicht
profitiert. „In den Supermarkt gehe ich wie in ein Museum“,
sagt sie. Der Ehemann ist spurlos verschwunden, und nicht einmal
ein landesweiter Haftbefehl hat ihn zur Alimentezahlung für
den 12-jährigen Sohn heranziehen können. In Ninas Zimmer
stehen dicht gedrängt zwei Betten, eine Couch, ein Kühlschrank,
Andrejs Klappfahrrad und eine Schrankwand, in der alte Glückwunschkarten
zum Frauentag, Matroschka-Puppen und der Becher mit den Zahnbürsten
Lebenserinnerungen mit dem Heute verbinden.
Die gepökelte Nachbarin – Gott habe
sie gnädig!
Wenn Nina überlegt, wer mit ihr zusammenwohnt, zählt sie
an den Fingern ab und wandert in Gedanken den Flur entlang. Sieben
Zimmer sind belegt. Der Kinderschänder von gegenüber sitzt
jetzt glücklicherweise ein. Und auch der Dieb, der ihr schon
mal die Beute aus dem Kindergarten im zweiten Stock anbot, in dem
sie damals arbeitete, hat die Wohnung verlassen. „Hinter der
Biegung“ liegt das Zimmer von Walentina, „weiter hinten“
wohnen zwei Russinnen, die auf dem Markt nebenan das Studiengeld
ihrer Kinder erschuften, und zur Küche zu lebt ein schweigsamer
Moldawier. Über der fleckigen Tapete im Flur verläuft
ein Gewirr von elektrischen Kabeln. Staubige Glühbirnen baumeln
herab. Manche sind ausgeschaltet, denn sie gehören dem Besitzer
des anliegenden Zimmers. Nur er darf sie anknipsen.
Der Kampf um das Eigentum vergiftet häufig
den Alltag der Zwangswohngemeinschaft und führt bei manchem
zu einem Erfindungsreichtum, der ihm im sonstigen Leben abgeht.
„In einer Wohnung hat sich der Mann extra eine Schneiderschere
mit kleinen Zähnchen besorgt und damit sein Toilettenpapier
abgeschnitten“, erzählt Walentina, die Nachbarin von
Nina. „So konnte er immer sehen, ob jemand heimlich von seiner
Rolle abgerissen hatte.“ In Ninas Kommunalka bringt jeder
seine Papierrolle mit. Einige Nachbarn haben ihre eigene Glühbirne
in der Toilette angebracht. Das Kabel führt in ihr Zimmer,
wo sie vor dem Gang zum Klo das Licht anknipsen. In anderen Kommunalkas
hängen die Toilettenbrillen der Bewohner auf Haken an der Wand.
Wenn Nina die Toilette zeigt, hat sie immer eine
lustige Geschichte parat. Einmal ist der hoch angebrachte Wasserkasten
abgebrochen und hat sich über einem Besucher ergossen, der
gerade auf der Toilette saß. Damals haben die Nachbarn selbst
einen neuen Wasserkasten anmontiert. Denn der Sanitärdienst
der staatlichen Wohnungsgesellschaft widmet sich statt seiner Arbeit
lieber der Erpressung. Nina zeigt das benachbarte Badezimmer. „Vor
drei Wochen sind mir beim Putzen des Wasserrohres mehrere Rostlöcher
aufgeplatzt“, erzählt sie. „Anderthalb Stunden
haben wir mit Eimern das Wasser abgeschöpft, dann war der Hausklempner
endlich da.“ Als Erstes reißt er das Waschbecken von
der Wand, das seitdem in der Ecke liegt. Dann sägt er das Warmwasserrohr
ab, versiegelt es und verlangt 150 Dollar für eine Reparatur.
Seitdem haben die Bewohner nur kaltes Wasser. Sie treffen sich vor
der offenen Badezimmertür, beraten im Dunst der Toilette, schimpfen
auf die Wohnungsgesellschaft, knüllen vor Zorn die geblümte
Schürze und gehen hilflos in ihre Zimmer zurück.
Die Küche ist mit Schränkchen und mehreren
Herden verbaut. Die Kochplatten sind den Bewohnern zugeordnet. „Ich
nehme alles Geschirr ins Zimmer mit, denn sonst bekommt es Beine“,
sagt Nina. Alkoholiker in der Wohnung versetzen jeden Topf beim
Altmetallhändler gegen eine Wodkaflasche. Oder das erste Fahrrad
von Andrej, worauf sich Nina rächte, indem sie der schuldigen
Michajlowa in der Küche eine Tomate ins Gesicht klatschte und
dann Salz über den Kopf schüttete. Die gepökelte
Michajlowa – Gott habe sie gnädig! – gehört
zum inneren Repertoire ihrer Kommunalka-Heldengeschichten. Streitereien
reichern die Bewohner sonst klassischerweise durch Spucken in den
Suppentopf, Durchtrennen des Klingelkabels oder Vergiften der Katze
an. „Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich gern
ausziehen“, sagt Nina trotz aller Erzählfreude an den
skurrilen Legenden. „Einmal im Leben in eine eigene Badewanne
steigen – das ist ein Traum.“
Vor kurzem hat Nina mit ihrem Sohn zum ersten
Mal den St. Petersburger Taurischen Palast besichtigt. „Wir
wohnen in einer so schönen Stadt und schauen sie uns viel zu
selten an“, sagt sie. 2400 Bauwerke, 15 Prozent der Gebäude
St. Petersburgs, hat die Unesco als Denkmäler der Architekturgeschichte
eingestuft. Nur in Venedig sind es noch mehr. Der Staat restauriert
zum Jubiläum die Prachtbauten, um den Mythos des „Venedigs
und Palmyras des Nordens“ wiederzuerwecken. Doch viele der
2000 Wohnhäuser unter Denkmalschutz verfallen.
Als „Hauptstadt der Kultur“ firmiert
St. Petersburg seit einigen Jahren in Russland. Doch für die
bildenden Künstler der Stadt sichern nur der Moskauer Kunstmarkt
und, besser noch, der europäische mit seinen fünfmal höheren
Preisen das Leben. Anfang der neunziger Jahre hat St. Petersburg
eine kreative Explosion vor allem jener Künstler erlebt, die
schon in den letzten Jahren der Sowjetunion zur Parallelkultur der
Stadt gehörten. Doch viele sind weggezogen und haben die Kulturszene
in einer gemütlichen und aufgeweckten Provinzialität zurückgelassen.
Die Treppenhäuser – hier wurde getrunken,
geraucht und gepinkelt Die St. Petersburger Künstler nehmen
ihre Abgeschiedenheit mit stolzer Bescheidenheit hin. „Wir
haben wenigstens Ruhe hier“, sagt Ljudmila Belowa in ihrem
privaten Atelier im Süden der Stadt, in dem sich Gipshände
stapeln und Tonbandstreifen wie in einer Ulkperücke als Lampenschirm
dienen. Seitdem sie sich als kleines Mädchen in den runden
Griff einer Tür in der Eremitage verliebte, wusste sie, dass
sie nur in St. Petersburg arbeiten könnte.
Die typischen St. Petersburger Treppenhäuser
haben sie sogar zu einer Ausstellung inspiriert. Sie nahm die Geräusche
dort auf und spielte sie Besuchern per Kopfhörer ins Ohr. Dazu
zeigte sie in kleinen Wandkästchen Fotos der Treppenhäuser.
„Das ist eine langsam absterbende Welt“, erklärt
Belowa, „denn die Treppenhäuser werden wieder privatisiert.
Früher war das ein öffentlicher Raum zwischen Wohnung
und Straße, in dem getrunken, geraucht und hingepinkelt wurde.
Dieses Übergangsgebiet mit nachrevolutionären Wasserrohren,
die Arbeiter über Mosaike und vorbei an Vitragen montierten,
spiegelt die Stadtgeschichte wider.“
Belowa stellt im Puschkinskaja 10 nahe dem Moskauer
Bahnhof aus. Dieses Kulturzentrum steht, wie sie sagt, für
einen in Russland einzigartigen „Sieg der Künstler gegen
den Staat“. Am Bahnhof klafft seit Jahren eine fünf Hektar
große Baugrube für einen Neubau und ein Kommerzzentrum.
Beamte und Geschäftsleute haben dort Hunderte von Millionen
Dollar versenkt. Allein im Jubiläumsjahr muss die Stadtkasse
200 Millionen Dollar zur Schuldenrückzahlung an einen Kreditgeber
aufbringen. Währenddessen hält sich das Kulturzentrum
Puschkinskaja 10 gegenüber dem St. Petersburger Riesenloch
mithilfe ausländischer Stiftungen mühsam am Leben. Der
düstere, mit Plakaten verklebte Toreingang führt zum Musikklub
Fish Fabrique. In seinem kleinen Saal müssen sich die Besucher
bei Rockkonzerten unter dem in der Partnerstadt Hamburg erbeuteten
Schild „Radfahrer absteigen“ wie Sardinen an die gruftschwarzen
Wände pressen.
Gegenüber sitzt ein gelangweilter Wachpolizist
in seinem vergitterten Büdchen, als sei er eingesperrt. Im
Innenhof des Hinterhauses offenbart sich, wie etabliert das Puschkinskaja
10 mittlerweile ist. Eine Tafel zeigt ordentlich den Lageplan der
40 Ateliers und Proberäume, der Museen und Galerien. 1988 war
das gesamte Gebäude mit 16000 Quadratmetern zum Abriss freigegeben.
Zu einer Zeit, als Maler und Bildhauer nur über die staatlichen
Verbände bei guter Führung Ateliers finden konnten. Als
sich der sowjetische Polizeigriff bereits fühlbar lockerte,
besetzten mehr als 1000 Künstler und Freunde das Haus unter
dem Banner der Anarchie und zapften die Stromleitungen benachbarter
Wohnhäuser an. Später gründeten sie einen Verein
unter dem Schutznamen Puschkins, dem auch der verstockteste Bürokrat
seinen Respekt nicht verweigern konnte. Nach einem langen Abnützungskampf
mit den postkommunistischen Behörden gelang es ihnen vor zehn
Jahren, sich in einem Pachtvertrag ein Drittel der Räume für
49 Jahre zu sichern.
Den Rest des Komplexes rissen „neue Russen“
an sich. Der Hofparkplatz mit ihren schwarzen Limousinen und Geländewagen
ist durch einen mehr als mannshohen Zaun abgetrennt. In der ungleichen
Nachbarschaft bleiben Konflikte nicht aus, da bei manchen angetrunkenen
Künstlern der Demarkationszaun einen untilgbaren Kletterreflex
auslöst. Andere hören als Inspirationsakt um drei Uhr
nachts bei offenen Atelierfenstern und voller Lautstärke Schostakowitsch.
Der Angst vor Kreativitätsverlust steht die vor Besitzeinbuße
gegenüber: Über das Dach der reichen Hausseite windet
sich sorgsam verlegter Stacheldraht.
Die Hierarchisierung des Puschkinskaja 10 hat
die Haare der einstigen Künstler-Squatter inzwischen ein bisschen
ergrauen lassen und ihre Pferdeschwänze ausgedünnt, doch
der nonkonformistische Schwung ist noch nicht erlahmt. „St.
Petersburg ist nachdenklicher, experimenteller als Moskau“,
erzählt Sergej Bussow im zweiten Stock des Hausflügels
D in der Cafeteria Bufet bei einem grünen Tee. „Hier
wurde die Internet-Kunst entdeckt, als das weltweite Netz in Russland
noch unbekannt war. Wir gebären neue Ideen, doch es mangelt
an der Umsetzung.“
Bussow hat sich in seiner Galerie der nichttraditionellen
Musik verschrieben. Im fensterlosen, rosa gestrichenen Backsteinraum
hinter dem Bufet trifft sich die Gemeinde zu elektronisch erzeugter
Experimentalmusik. „Zu unseren nichtkommerziellen Festivals
kommen die Moskauer neidisch angefahren“, erzählt Bussow.
Aber die Vermarktung neuer Kunstformen gelingt den Hauptstädtern
besser. „Wir Petersburger lieben die Idee um ihrer selbst
willen“, sagt der Musiker. „Die Moskauer verehren ihr
Kommerzpotenzial.“ Sogar ein Moskauer Museumsdirektor klagte
vor kurzem über die Ausstellungen der St. Petersburger Künstler:
„Alles ist so durchdacht und ordentlich und schön. Aber
brüllen und verkaufen können sie nicht.“
Zur 300-Jahr-Feier organisiert das Puschkinskaja
10 sein eigenes Programm. „Wir haben von der Stadt viele Versprechen
über Zuschüsse gehört, aber nichts ist eingehalten
worden“, erzählt einer der Leiter des Kulturzentrums.
„Sie kommen immer nur auf uns zu, wenn sie einen Darsteller
für die moderne Kunst in St. Petersburg brauchen.“
Denn die hat es schwer, in der Stadt ihre Nischen
zu finden. Der kulturelle Konservatismus der Kunstbeamten, die oft
noch die sowjetische Akademiebildung hochhalten, nutzt die Klassik
als Totschläger für neue Projekte. Nur unter dem früheren
Bürgermeister Anatolij Sobtschak entfaltete sich in der ersten
Hälfte der neunziger Jahre ein freierer Geist. Der Hochschulprofessor
führte Leningrad mit frischen Ideen und manchen Tagträumen
zur Umbenennung in den historischen Namen St. Petersburg und in
die Transformation des nachsowjetischen Russlands. Sobtschak ermöglichte
die Legalisierung des Puschkinskaja 10. Und er gab den heiligen
Ort der Peter-und-Paul-Festung für ein ungewöhnliches
Denkmal des Künstlers Michail Schemjakin frei, der zu kommunistischen
Zeiten in diverse Psychiatrien gezwungen worden war.
Das Denkmal für Peter den Großen widersprach
der sowjetischen Ästhetik, stattliche Menschen ohne jede Interpretation
in monumentale Posen gießen zu lassen. Zur Eröffnung
im Jahr 1991 lief Schemjakin in Soldatenstiefeln und Ledermantel,
mit einer Ballonmütze auf dem Kopf, gegen den Takt einer Militärkapelle
zum kniehohen Sockel. Darauf sitzt der eherne Peter in seinem Sessel,
der so dünn- und hochbeinig wie der Herrscher erscheint. Peter
der Große, der gut zwei Meter maß, trägt auf den
schmalen Schultern einen halslosen Glatzkopf, der als Schrumpfkopf
aus der Kunstkammer des Zaren selbst stammen könnte. Rätselhaft,
grausam und hässlich sieht der Stadtgründer aus, wie ein
Tyrann.
„Ein Denkmal soll nicht schön, sondern
interessant sein“, beschwört eine Reiseführerin
ihre russische Touristengruppe. Es sei keine Beleidigung für
Peter. „Der Künstler ist natürlich ein großer
Verehrer des Zaren. Er wollte nur den angespannten, um Russland
besorgten Herrscher zeigen.“ Die Touristen setzen Peter eine
Baseball-Mütze auf und lassen sich auf seinen Knien fotografieren.
Doch viele Petersburger haben sich bis heute nicht mit dem Denkmal
am Gründungsort der Stadt angefreundet.
„Wir werden von Apparatschiks ohne Sinn
für Kultur regiert“
Hier wurde 1703 Sanktpiterburch gegründet, mit einer Festung,
die als Schutz vor den schwedischen Truppen und als Bollwerk gegen
das fortschrittsfeindliche Moskau mit seiner asiatischen Anmutung
dienen sollte. Peter der Große ließ mit ehernem Willen
und brachialer Macht an unmenschlichem Ort eine Stadt errichten,
die weder auf das Leben ihrer Erbauer noch ihrer zukünftigen
Bewohner Rücksicht nahm. Er wollte ein Abbild schaffen eines
Imperiums, das gerade erst entstand, und einer Zivilisation, die
es noch nicht gab (ZEIT Nr. 12/03: Stadt in den Lüften ). Der
Triumph des menschlichen Planens und Bauens kostete vermutlich Zehntausende
von Zwangsarbeitern das Leben.
Eine Stadt des geometrischen Rasters entstand,
in der die Häuserreihen Spalier standen. Die Kulissenhaftigkeit
der Ensembles und der Eindruck des Theatralischen überhaupt
kumulieren in der Straße des Baumeisters Rossi, die 220 Meter
lang und begrenzt ist von zwei spiegelgleichen, 22 Meter hohen Gebäuden.
Vor allem ausländische Baumeister trieben diese Stadt des Intellekts
voran und errichteten ein europäisches Legoland aus Barock,
Klassizismus, Empire und russischem Jugendstil.
Die Doppelseitigkeit wurde zum St. Petersburger
Topos: Individuum versus Staat, Vernunft versus Elemente, himmlisches
Jerusalem oder Hure Babylon. Im langen Winter mit seinen verschwimmenden
Kontrasten wirkt die Stadt wie auf dem Boden eines großen
Sees. „Dann ziehen wir uns in unsere Höhlen und absurden
Kammern zurück, die St. Petersburg so eigen sind“, erzählt
die Künstlerin Belowa. „Ich kenne sogar eine Kommunalka,
wo ein Zimmer nur durch das Bad zu erreichen ist.“ Auf Kälte,
Melancholie und Todesnähe folgt der kurze Sommer, den die ersten
Sonnenanbeter bereits im April begrüßen, nackt an die
Mauer der Peter-und-Paul-Festung gelehnt. „Dann spielen alle
verrückt“, sagt Belowa, „und versuchen wie im Fieberwahn,
keine Minute zu viel an den Schlaf zu verschenken.“
Anfang des 20. Jahrhunderts, nach nur 200 Jahren, gehörte St.
Petersburg zu den Weltzentren. Doch die bolschewistische Revolution
bereitete dem Aufstieg ein Ende. Der Umzug der Hauptstadt nach Moskau
rettete zwar das bauliche Ensemble an der Newa vor den Kahlschlägen
der sowjetischen Bombastarchitekten, aber St. Petersburg fiel in
die Bedeutungslosigkeit. Revolution und Bürgerkrieg verringerten
die Einwohnerzahl binnen weniger Jahre von 2,5 Millionen auf 900000
Menschen. Stalins Verfolgungen und die Blockade der Stadt durch
Hitlers Wehrmacht – in jener über zweijährigen Elendszeit
von Ende 1941 bis Anfang 1944 starben mehr als eine Million Menschen
– dezimierten die ursprüngliche Bevölkerung weiter.
Die verbleibende Intelligenzija wurde verfolgt, viele wurden getötet.
Ländliche Arbeiter zogen nach sozialistischem Plan für
die Industrialisierungsprojekte in die Stadt.
Nina Katerli zählt sich zur dünnen Schicht
der St. Petersburger Intelligenzija. Sie wuchs als Mädchen
unter Schriftstellern auf, die regelmäßig ihr Elternhaus
besuchten. Ihr Vater stand die Zeit der Blockade als Frontjournalist
durch. Der Mutter wurde die adelige Herkunft verziehen, da sie lange
Zeit in einer Fabrik arbeitete. „Als ich 1944 als Neunjährige
aus der Evakuierung nach Leningrad zurückkehrte“, erzählt
Katerli, „lieh sich mein Vater ein Auto und fuhr mich zu den
schönsten Plätzen der Stadt, zur Admiralität, zum
Winterpalast, auf die Newa-Brücken. Damit ich St. Petersburg
kennen und lieben lerne.“
Die Schriftstellerin wohnt am Marsfeld nahe dem
Ingenieurschloss. Wer im Zentrum lebe, stellt sie fest, fühle
sich verantwortlich vor der Stadt: „Hier geht man nicht in
Pantoffeln auf die Straße.“ Dann spricht sie leicht
indigniert über die Hochhaussiedlungen am Rande der Stadt.
„In den Kästen dort wohnen Menschen, denen alles schnuppe
ist“, sagt sie. „Unser Gouverneur befindet sich auf
ihrem Niveau. Wir werden von Apparatschiks ohne Weitblick und ohne
Sinn für Kultur regiert. Es fehlt eine progressive Macht.“
Als der amerikanische Architekt Eric Owen Moss
im vergangenen Jahr für seinen dekonstruktivistischen Vorschlag
eines Neubaus des weltberühmten Mariinskij-Theaters prämiert
wurde, brach in St. Petersburg eine Kontroverse los. Moss’
Anbau an das Theater sieht einen Block aus Granit und Glas vor,
an dessen einer Seite ein gläserner Klumpen wie nach einer
Explosion ruht. Städtische Kulturwächter protestierten
so vehement gegen das „formlose Monster“ und „Mülltütenbündel“,
dass ein zweiter Wettbewerb zum 28. Juni eingerichtet wurde. Eine
mutige Entscheidung für die zeitgenössische Architektur
an dem städtebaulich eher nichtssagenden Ort könnte den
Willen der Stadt unterstreichen, die Historie mit der Zukunft zu
verbinden. Aber die Garde der St. Petersburger Architekten verknüpft
ihren Widerstand mit dem Wunsch, ihren Claim gegen ausländische
Baumeister zu verteidigen. „Hier können nur Ortsansässige
drankommen“, sagt einer von ihnen offen, „denn Fremden
fehlt die moralische Erlaubnis, wenn sie nicht mit Bezug zur Geschichte
der Stadt planen.“ Der Philosophieprofessor Grigorij Tultschinskij
kritisiert gerade diesen Standpunkt als „unpetersburgisch“.
„Anfangs hat Peter der Große russischen Architekten
sogar verboten, in St. Petersburg zu bauen“, sagt er. „Moss
wäre also in der Tradition der Stadt genau die richtige Wahl.
Ohne Moderne hört St. Petersburg auf zu leben. Die Stadt wird
zum Museum und dann zum Friedhof.“
Das grandiose Architekturerbe erweist sich als
Last, wenn es den Bewohnern zwischen Anmut und Schönheit keinen
Raum zum Atmen lässt. Gegen das leblose Bild der Stadt ergreift
in einem Zeichentrickspot die Kultfigur Masjanja das Mikrofon, nachdem
sie sich in einen Touristenbus geschlichen hat. „Verehrte
Gäste der Stadt“, verkündet sie im Singsang der
Intourist-Reiseführe-rinnen, „Sie werden die wundervollen
Prospekte voller Alkoholiker und Bettler entlangfahren und die unschätzbaren
Museumsausstellungen besuchen, die von Omas für drei Euro im
Monat bewacht werden.“ Masjanjas St.-Petersburg-Eloge habe
der Stadtverwaltung überhaupt nicht gefallen, erzählt
ihr Schöpfer, Oleg Kuwajew. „Danach begann eine von oben
gesteuerte Pressekampagne gegen mich.“
Doch Masjanja, das freche Stadtmädchen mit
den schmutzigen Reden, ist zur landesweit beliebten Petersburgerin
geworden. „Sie hat die hiesige Psychologie“, erklärt
Kuwajew, „mit einem starken Zynismus, der nicht zu destruktiv
ist, und einem Optimismus gerade in schwierigsten Situationen. In
Moskau ist sie undenkbar.“ Dort herrscht Pragmatismus vor.
Moskau gibt sich schneller per du, ist rational und geschäftstüchtig.
Den Reichtum seiner Bewohner demonstrieren schon der gestylte Hauseingang
und der prestigeträchtige Bodyguard. „Moskau ist wie
Las Vegas voller Sushi-Bars. St. Petersburg dagegen erscheint mir
als europäische Stadt des Geistes, wo das Nachdenken im Kaffeehaus
manchmal in Trägheit und Snobismus übergeht“, sagt
Kuwajew, und sein rundes Gesicht verzieht sich zu einem masjanjagleichen
Lachen. „Hier findet man um sechs Uhr abends kaum mehr einen
arbeitenden Notar. In Moskau kann man um Mitternacht Krokodile kaufen.“
Wer Karriere machen will, muss nach Moskau gehen – wie Putin
Der Zweikampf zwischen St. Petersburg und Moskau ist so alt wie
die Stadt an der Newa. Russlands Hauptstadt, deren Maßlosigkeit
sowohl Größe als auch Kitschsucht umfasst, hat sich ein
zehnmal höheres Peter-Denkmal hingestellt. Sogar in negativen
Ehrentiteln herrscht ein Wettbewerb der beiden Städte: Nach
einigen aufsehenerregenden Politikermorden gilt wieder Moskau als
Russlands „Kriminalhauptstadt“. Die Petersburger glauben
sowieso, dass ihnen dieses Klischee übel wollende Moskauer
Ende der neunziger Jahre anhefteten.
Beide Städte haben allerdings ihre historischen
Rollen getauscht. Vormals galt Moskau gegenüber dem strengen
St. Petersburg als lebensfrohes Marktweib, gastfreundlich und ein
wenig faul. Heute hat die russische Hauptstadt ihre Selbstbezogenheit
abgelegt und dynamisch die Tür nach Europa aufgestoßen.
Wer Karriere in der Politik oder der Wirtschaft machen möchte,
muss St. Petersburg gen Moskau verlassen – wie Wladimir Putin.
Mit dem „ihrigen“ Präsidenten
verbinden viele Petersburger große Hoffnungen. Putin ficht
in einem Clan-Kampf gegen Wladimir Jakowlew, den nun Gouverneur
genannten Bürgermeister St. Petersburgs. Seit sieben Jahren
verwaltet Jakowlew den Stillstand in der Stadt. Weder den Bau eines
Hochwasserschutzdamms noch einer Stadtautobahn oder des Ersatztunnels
für eine abgesoffene U-Bahn-Linie konnte er entscheidend vorantreiben.
Jakowlew hat sich 1995 gegen Bürgermeister
Sobtschak und dessen Wahlkampfmanager Putin gestellt und die Wahl
gewonnen. Nun nimmt der Kremlchef Rache und lässt Jakowlew
von seinem Bevollmächtigten und den Revisoren des Rechnungshofes
demontieren. Die Buchprüfer suchen in der Stadtverwaltung nach
Korruption und Misswirtschaft. Sie fanden heraus, dass Gelder des
Straßenbaufonds in Finanzgeschäfte flossen, die undurchschaubaren
Firmen 30 Millionen Dollar einbrachten. Zur Vorbereitung der 300-Jahr-Feier
hätten im Alexandrowskij-Park Baufirmen bei minus 20 Grad im
Winter neue Gehwegplatten verlegt, wofür sie die Erde mit Brennern
auftauten. Die Arbeit an den schadhaften Wegen sei noch immer nicht
abgeschlossen. „Vor kurzem hat Jakowlew ein Denkmal für
Alexander Menschikow, den ersten Gouverneur der Stadt, eingeweiht“,
erklärt der oberste Rechnungsprüfer, Dmitrij Burenin,
in St. Petersburg. „Dieser Menschikow war vor allem berühmt
dafür, dass er seine Hand gern in den Zarenschatz steckte.
Wenn das kein treffendes Zeichen ist?“
Der Machtkampf schadet der Jubiläumsfreude
und lähmt St. Petersburg. Doch bei den Wahlen zum Gouverneur,
vermutlich im Dezember, könnte erstmals ein Kandidat Moskaus
das Rennen machen. Gute Chancen hätte die Bevollmächtigte
Putins in Nordwestrussland, Walentina Matwijenko. Denn die Petersburger,
die sonst traditionell gegen Moskau stimmen, schätzen mit positiven
Umfragewerten von über 70 Prozent ihren Präsidenten. Er
verkörpert die Zukunftschance der Stadt, nach dem Jubiläum
nicht in Vergessenheit zu fallen.
Dank Putins Unterstützung und föderaler
Gelder könnte St. Petersburg mit Hotelbauten der Mittelklasse
den vernachlässigten Tourismus fördern und die Stadtsanierung
vorantreiben. Über eine Verlagerung der drei obersten russischen
Gerichte nach St. Petersburg wird derzeit im Kreml entschieden.
Sogar Luftschlossprojekte wie die Hafenverlagerung ins Tiefwasser
beim südwestlich gelegenen Städtchen Lomonossow könnten
konkrete Form annehmen. St. Petersburgs Zukunft hängt davon
ab, ob Moskau sich in einer Peter dem Großen würdigen
Entscheidung grundsätzlich nach Westen orientiert.
Doch schon jetzt zeigt sich, wie zwiespältig
Moskaus Dominanz ausfällt. Mittels einer Regierungsanordnung
vom 17. Dezember 2002 betreibt die Präsidialverwaltung den
Auszug eines der drei Hauptarchive Russlands. Das Staatliche Historische
Archiv soll nach 168 Jahren seine Gebäude von Senat und Synode
gegenüber dem Denkmal des Ehernen Reiters am Englischen Kai
verlassen. Nicht einmal ein zeitweiliges neues Domizil für
die sechseinhalb Millionen Dokumente ist bisher gefunden, da schwirren
schon Gerüchte über den Bau eines Fünf-Sterne-Hotels
in den ehrwürdigen Mauern durch die Stadt. Bisher war das Archiv
Moskau nicht viel wert: Im letzten Jahr musste der Lesesaal für
anderthalb Monate geschlossen werden, da sogar der karge Lohn für
die Hilfskräfte fehlte. Doch einmal erwiesen sich die Archivare,
die gesprungene Fensterscheiben mit Klebeband reparieren, als nützlich:
Die historischen Pläne zur Renovierung von Putins neuem St.
Petersburger Renommiersitz, dem Konstantin-Palast, fanden sich im
Staatlichen Historischen Archiv.
Für Politik interessiert sich Pjotr Kosyrjew
kaum. Das ist zu uncool. Seinen Freiheitsrausch bekam er nicht während
der Demonstrationen gegen den Putsch der alten Kader im August 1991,
sondern beim Trampen durch die Welt. Auf seiner Visitenkarte steht:
„Berühmter Fußgänger“. In ungewöhnlich
flottem Schritt erobert der gelernte Videotechniker die Stadt als
Fremdenführer für Backpacker-Touristen. Er liest für
sie die geheimen Zeichen auf dem Mauerwerk und in den Asphaltrillen.
Sogar Touren über die St. Petersburger Dächer bot er an,
bis nach dem 11. September 2001 die Dachluken im Anti-Terror-Kampf
abgesperrt wurden.
Vor sieben Jahren hat er als Einmannfirma begonnen, heute beschäftigt
er fünf Mitarbeiter. Es ist ein typisch St. Petersburger Kleinbusiness:
eine originelle Idee, aus Spaß umgesetzt und wenig rentabel.
Der 30-Jährige läuft über den Schlossplatz in Richtung
Wassilij-Insel. Eine Arbeiterbrigade kratzt die Fugen zwischen den
Granitplatten zum Jubiläum sauber. „Das ist natürlich
lächerlich“, sagt er, „wie in Alice im Wunderland,
wo die Rosen in der Wunschfarbe der Königin gestrichen werden.“
Vor der restaurierten Börse im Herzen der Stadt, in der Parkanlage
an den Rostral-Säulen, stehen drei grüne Plastiktoilettenhäuschen.
An einem baumelt die Toilettenpapierrolle, das Ende flattert im
Wind. „Hier ändert sich nie etwas“, sagt Kosyrjew
amüsiert.
In der Kirche der Heiligen Katharina besucht er
seine Freundin Katja. In dem orthodoxen Gotteshaus hatten die Kommunisten
ein Chemielabor betrieben. Seit vier Jahren hat sich Katjas Vater
mit seiner Töpferwerkstatt zwischen Holzgerümpel und Schutthaufen
eingemietet. Im früheren Altarraum lagern die bemalten Tonschüsseln
und Becher. Auch ein paar Hausspringbrunnen stehen da für die
Schlafzimmer neureicher Russen, die es chic finden, nachts nicht
unbedingt zur Toilette rennen zu müssen. Der große Brennofen
dominiert den Eingang, ein zweiter steht in einem Geheimraum hinter
der Schranktür, damit die Feuerpolizei nicht zu viel sieht.
Doch Katja sucht seit kurzem nach neuen Räumen für die
Werkstatt. Der tief gläubige Priester der Kirchenruine hat
nämlich ein Auge auf die lukrative Töpferei geworfen.
Die 25-jährige Katja ist gelernte Finanzfachfrau
und arbeitet wie Kosyrjews St. Petersburger Mitstreiter nicht in
ihrem Beruf. Sie schlägt sich in der Töpferstube durch.
Der Umbruch in Russland hat ihrer Generation alte Gewissheiten geraubt,
doch sie nimmt das Leben fröhlich als Balanceakt zwischen Chancen
und Erschöpfung. Im staubigen Licht der Kirchenkuppel flüstert
sie: „Ich liebe diese Stadt, aber alle drei Monate muss ich
für ein paar Tage raus.“ Katja wohnt in einem der „Brunnen“
genannten Innenhöfe, aus denen der Himmel nur zu sehen ist,
wenn der Kopf im Nacken liegt. Sie freut sich auf einen Helsinki-Trip,
und Kosyrjew gibt ihr Ratschläge, auf welchen Fähren man
ohne Kajüte übernachten kann. Gern würde sie im Ausland
arbeiten. Aber wie die meisten Petersburger sagt sie: „für
einige Zeit“. Zurückkehren möchte Katja auf jeden
Fall.
Spätabends klettert Kosyrjew auf der Wassilij-Insel
bei Freunden doch noch einmal aufs Dach. Vom Meer her weht ein frischer
Wind. St. Petersburg verschwimmt in der Dämmerung. Die weißen
Nächte schweben erst als Ahnung in der Luft. Gegenüber
liegt der Balkon eines Künstlers, der Sonnenblumen pflanzt,
um den Sommer zu vervielfachen. Vor dem Stadion leuchtet eine Reklametafel
in der sonst schummerigen Stadt. Das Baugerüst rund um die
Isaak-Kathedrale ist kaum mehr zu erkennen. Das sind die Stunden,
in denen die 300-Jahr-Feier manchmal als ein großer Traum
erscheint.
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