Die Presse, Austria. May 2, 2003
Sankt Petersburgs mörderisches Erbe
Zum 300. Geburtstag läßt Wladimir Putin die Zarenstadt
herausputzen. Doch in den vergammelten Hinterhöfen sieht es
noch immer aus wie zu Dostojewskijs Zeiten.
Von Tessa Szyszkowitz
Sankt Petersburg Ende April. Das Straßenpflaster
ist allerorts aufgerissen, die Petersburger waten durch Schlammbadewannen,
vorbei an eingerüsteten Stadtpalästen und Kirchentürmen.
Die einstige Zarenmetropole wird renoviert. Am 30. Mai feiert die
Stadt ihren 300. Geburtstag. Dann soll das „Fenster nach Europa“
frischgeputzt sein.
Besucher aber, die zu früh kommen, sehen Petersburg
im Urzustand, so wie Dostojewskij die Stadt beschrieben hat. „Das
geschäftige Treiben und der Mörtel, die Baugerüste,
Ziegelsteine und Staub überall um ihn herum“, so nahm
Rodja Raskolnikow in einer klaren Minute seine Umgebung wahr. Dort,
wo der verlumpte Student aus „Schuld und Sühne“
seine Untat beging, in den vernachlässigten Straßenzügen
hinter dem Heumarkt, dort hat der Sowjetkommunismus ob chronischen
Geldmangels wenig Spuren hinterlassen. Die barocken Häuserzeilen
sind desolat. Die Innenhöfe in ihren ermatteten Gelbtönen
atmen Armut. Auch das Wasser in den Kanälen ist von einem ungesunden
Gelb. Ganz wie an einem Juliabend vor 137 Jahren, als Raskolnikow
sich aufmachte, die alte Pfandleiherin mit einer Axt zu erschlagen.
Die Petersburger weisen den Weg zur fiktiven Wohnung von Dostojewskijs
Held, als hätte er tatsächlich hier gelebt.
Der Eingang zum weiss-gelben Mietshaus, wo das
verarmte Bürgersöhnchen in einem schrankartigen Mansardenzimmer
logierte, ist mit wehrhaften Eisengittern verschlossen. Hier also
„trat ein junger Mann aus seiner Kammer, die er in der S-Gasse
zur Untermiete bewohnte, auf die Straße hinaus und ging langsam,
als wäre er unentschlossen, auf die K-Brücke zu.“
Er zögerte noch. Aus Arroganz und um eines naturgemäß
unklar gefaßten Begriffes des wissenschaftlichen oder sozialen
Fortschrittes willen schien es ihm erlaubt, eine alte, unsymphatische
Wucherin, die „nicht besser ist als eine Laus“, zu töten
und mit dem geraubten Geld sein Studium zu finanzieren.
Die Theorie, dem Petersburger Armutssumpf entsprungen,
erweist sich als Unsinn. Raskolnikow kann sein Gewissen nicht mit
krauser Theorie betäuben. Nach zwei Wochen wird er von seinen
Schuldgefühlen überwältigt. „Schuld und Sühne“
wurde 1996 in einer neuen deutschen Übersetzung in „Verbrechen
und Strafe“ umbenannt und damit von jeder religiösen
Konnotation befreit. Der neue Titel ist eine direkte Übertragung
des russischen Originals. „Prestuplenie i nakazanie“
ist für Petersburger gewissermassen eine Art ungeistliche Bibel.
So auch für die eingfleischten Dostojewskij-Fans
Peter und Mike. Die jungen Russen haben mit ihrem „Dostojevskij
murder pub crawl“ eine ungewöhnliche Stadtführung
erfunden . Sie haben die 730 Schritte nachgezählt, die Raskolnikow
von seiner Kammer bis zur Wohnung der alten Vettel zu gehen hatte.
Der besondere Charme des vierstündigen Stadtspazierganges:
So wie einst Raskolnikow unterbrechen die Mordtouristen ihren Weg
alle paar Meter in einer der unzähligen Petersburger Kneipen.
Gemeinsam mit dem Meuchelmörder rümpfen die Touristen
die Nase angesichts „des unerträglichen Gestanks aus
den Gaststätten, die so zahlreich sind in diesem Teil der Stadt“.
Auf dem Tisch eine Glaskaraffe mit Wodka und im
Magen die entsprechende Grundlage - Hering mit Kartoffel - liest
Mike aus verschiedenen Ausgaben von „Schuld und Sühne“
vor, vergleicht, zeigt, was der zaristische Zensor streichen ließ.
Eine amerikanische Touristin mit Nerzmütze reisst die Gruppe
in die Gegenwart. Sie ruft einen Toast: „Trinken wir auf den
Sieg über Saddam Hussein!“. Am Nebentisch erhebt sich
würdevoll ein junger Mann: „Ich kann Ihnen gerne die
russische Nationalhymne singen, aber sonst bin ich gegen diesen
Krieg!“. Später, während seine Frau und seine Tochter
ihn am Ärmel aus dem Lokal zerren, läßt er wissen:
„Wir Russen haben schon genug Kriege gesehen. Ich will in
keinen Krieg mehr ziehen.“
Es ist dunkel geworden in Petersburg. Im Hinterhof,
durch den Raskalnikow geschlichen ist, um die Pfandleiherin zu ermorden,
sieht man die Hand vor Augen nicht mehr. „Das Stiegenhaus
war dunkel und eng, aber er kannte es bereits zur Genüge.“
Der Mörder „schätzte die totale Dunkelheit, in der
er selbst die neugierigsten Augen nicht zu fürchten brauchte.“
Schweigend schwankend steigen die Literaturspazierer die Treppen
zur Wohnung der bösen, alten Frau hinauf. Der Wodka hat seine
Schuldigkeit getan, selig landen die amerikanischen und europäischen
Touristen vor der Tür im vierten Stock. Ein Lichtstrahl durchbricht
das Dunkel. Eine Schottin hat eigens eine Taschenlampe mitgebracht
und leuchtet das enge Stiegenhaus aus. „Raskalnikow hat recht!“
hat jemand an die Wand geschmiert. „Es lebe Tolstoi“
steht daneben. Andere Besucher scheinen den Aufstieg auch nicht
ganz nüchtern erlebt zu haben.
Ergriffen stehen die Touristen vor der fiktiven
Mordwohnung. Es ist still. Plötzlich klappert ganz real eine
Frau in Stöckelschuhen die vielen Treppen herauf. Ohne die
Miene zu verziehen geht die Frau im schwarzen Leder an der absurden
Versammlung im dunklen Stiegenhaus vorbei. Einen Stock höher
ist die Eingangstür aus Stahl. So sehr die Russen in Petersburg
ihre fiktiven Mörder lieben, so sehr fürchten sie die
realen. Unten tritt Raskolnikow unbemerkt aus dem Hauseingang und
verschwindet in den dunklen Straßen von Sankt Petersburg.
-ende-
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